Falko Mohrs (24) und Emily Büning (23) sind Jugenddelegierte der Vereinten Nationen. Ihre Agenda für 2009: durch Deutschland reisen, mit Gleichaltrigen über Jugend- und Weltpolitik diskutieren und ihre Forderungen anschließend vor der UN-Generalversammlung in New York vortragen. Im Interview sprechen sie über das “Weltaktionsprogramm“, Chancengerechtigkeit und Weisheiten aus der Pfadfinderwelt.
Felix Scheidl: 192 Staaten sind weltweit Mitglied bei den Vereinten Nationen. Wie gut kennt ihr als Jugenddelegierte die Situation der Jugendlichen in den einzelnen Staaten?
Emily: Natürlich können wir nicht jeden Staat und auch nicht die Situation der Jugendlichen in den einzelnen Staaten kennen. Aber das ist auch nicht unsere Aufgabe. 1981 wurden die Staaten der UN in einer Resolution aufgerufen, Jugenddelegierte in ihre Delegationen aufzunehmen. Es gibt nun um die 20 Staaten mit Jugenddelegierten. Jede und jeder von ihnen kann so einerseits für sein Land sprechen und andererseits die Belange der Jugend allgemein berücksichtigen.
Falko: Außerdem müssen wir nicht ins Blaue hinein arbeiten. Es gibt ein “Weltaktionsprogramm für die Jugend“. Dort sind 15 Themen mit Jugendlichen zusammen erarbeitet worden, Themen, die Jugendliche bewegen und die für Jugendliche weltweit besonders wichtig sind. Hierzu zählen der Klimawandel, Armut, Bildung und vieles mehr. Auf dieser Basis versuchen wir zu arbeiten.
Ein besseres Jetzt, eine bessere Zukunft
Ihr müsst also nur die Jugend in Deutschland vertreten?
Falko: Unser Schwerpunkt liegt natürlich auf den Interessen der Jugendlichen in Deutschland. Andererseits vernetzen wir uns stark mit den Jugenddelegierten aus den anderen Ländern, um zu sehen, wo es Schnittmengen und Interessen gibt. Es geht nicht darum, in nationalen Egoismen zu denken und zu arbeiten, sondern als Jugend, die wir alle eine gemeinsame Verantwortung haben, gemeinsam für ein besseres Jetzt und eine bessere Zukunft zu kämpfen.
Emily: Die Hälfte der Weltbevölkerung ist unter 24. Die Jugend braucht also eine gemeinsame starke Stimme in der Welt. Deshalb wollen wir auch die Interessen der Jugend weltweit einbeziehen und unserer Stimme mehr Gewicht geben.
Ihr trefft euch also auch mit Jugenddelegierten aus anderen Ländern?
Emily: Wir haben gerade viel Kontakt mit den Niederländern, die sich ein sehr umfassendes Programm für das nächste Jahr gesetzt haben. Die anderen Länder ziehen jetzt langsam nach und wählen ihre Jugenddelegierten aus.
Falko: Dank dem Internet gibt es einen regen Austausch mit anderen Jugenddelegierten und mit den Delegierten der letzten Jahre. Auch werden wir ein gemeinsames Treffen organisieren und vor Ort in New York eng zusammenarbeiten. Dort treffen wir auch Diplomaten aus anderen Ländern, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen und ihnen die Anliegen der Jugend vorzutragen.
Sprachrohr der deutschen Jugendlichen
Wenn ihr nicht die Jugend aller 192 UNO-Staaten kennt: Was muss ein Jugenddelegierter oder eine Jugenddelegierte können?
Emily: Wir wurden in einem Auswahlverfahren aus 80 Bewerbern ausgewählt. Für die Aufsätze, die wir schrieben, mussten wir wissen, wie die Vereinten Nationen arbeiten. Man braucht ein gewisses Interesse für die Vereinten Nationen und sollte die Ziele der UN kennen und vertreten.
Falko: Wichtig ist auch Sprachkompetenz. Wenn wir uns mit Diplomaten und Jugenddelegierten aus anderen Ländern unterhalten, geht das meist nur auf Englisch. Auch sollte sich ein Jugenddelegierter in der Jugendarbeit auskennen. Und er oder sie soll wissen wollen, was die Jugendlichen interessiert und was sie gerne verändern würden. Immerhin sind wir Sprachrohr der Jugendlichen vor den Vereinten Nationen.
Ein Jugenddelegierter muss also mit beiden Beinen in der Lebenswelt seiner Gleichaltrigen stehen.
Emily: Genau. Ich selbst habe viel bei der Grünen Jugend gearbeitet. Mir hat es immer Spaß gemacht, mit Jugendlichen zusammen etwas auf die Beine zu stellen: arbeiten, lernen, Spaß haben und feiern für eine gemeinsame Sache.
Falko: Genau – in dem Wort Partizipation steckt irgendwie auch das Wort Party. Es kann also Spaß machen, sich zu beteiligen. Zu wissen, wie Jugendliche ticken, ist wichtig. Ich bin beim Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder aktiv, arbeite mit Kindern und bin in Veranstaltungen auf Bundes-, Europa- und auf Weltebene involviert.
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Ihr arbeitet ehrenamtlich als Jugenddelegierte. Eure Karriere müsst ihr für die UN nun für ein Jahr auf Eis legen …
Emily: Ja: Wir pausieren ein Jahr im wirklichen Leben. Ich habe gerade mein Jura-Abschlussexamen geschrieben. Falko macht ein duales Studium bei VW. Die halten ihm den Rücken frei.
Ein Jahr arbeiten ohne Verdienst: Klingt nach einem Job für Weltverbesserer.
Emily: Als Jugenddelegierte haben wir einen Vollzeitjob und bekommen trotzdem nur die Reisekosten ersetzt. Aber nebenbei machen wir auch viele unbezahlbare Erfahrungen. Finanziell werde ich mich weiterhin mit Kindergeld und meinem Stipendium über Wasser halten.
Falko: Auch hinter meinem Engagement steht eine Menge Idealismus: Ein Pfadfinder soll die Welt besser verlassen, als er sie vorgefunden hat.
Ideen aufgreifen
Seit März 2009 seid ihr auf einer Reise durch Deutschland. Ihr wollt den Jugendlichen im Land die UN näher bringen. Wie bereitet ihr euch auf die Treffen vor?
Emily: Wir sichten immer wieder Dokumente und Programme der Vereinten Nationen. Wenn der UN-Generalsekretär kritisiert, dass das Schulsystem in Deutschland zu undurchlässig ist, greifen wir das Problem auf und diskutieren mit den Jugendlichen auf unserer Deutschlandtour darüber.
Welche Erfahrungen habt ihr in diesen Diskussionen gemacht?
Emily: Mich haben die Meinungen und die überzeugten Ansätze der Jugendlichen, die erst 14 oder 16 sind, fasziniert. Da habe ich auf mein Leben mit 14 zurückgeblickt und überlegt, ob ich mir damals schon so viel Gedanken um die Weltpolitik gemacht habe. Die Jugendlichen haben Ideen zur Verbesserung des Systems und sind politisch interessiert. In Regensburg haben wir beispielsweise mit Jugendlichen über deren Wünsche und Forderungen im Bezug auf Bildung gesprochen. Vorher haben wir ihnen erklärt, was die UN überhaupt mit Bildung zu tun hat.
Falko: Viele Jugendliche forderten mehr Freiraum für Engagement und Lernen neben der Schulzeit. Für sie ist das ein großes Thema, weil sie sich mit dem schulischen Druck nicht mehr außerschulisch weiterbilden können. Diese Forderung werden wir in unsere Arbeit aufnehmen.
Emily: Viele Jugendliche sorgen sich auch wegen des Klimawandels. Immerhin ist es unsere Zukunft und unsere Welt, in der wir und unsere Kinder leben müssen.
Wenn Jugendliche Wünsche in die UN-Vollversammlung einbringen wollen: Kann man euch buchen?
Emily: Ja. Wir freuen uns über jede Anfrage und über Kommentare. Wir haben uns bei Studi-VZ, Schüler-VZ und Facebook vernetzt. Über diese Profile wollen wir verstärkt mit Jugendlichen in Kontakt kommen.
Was werden die Kernpunkte eurer Forderungen, die ihr im Oktober 2009 vor der UN-Generalversammlung vortragen werdet, sein?
Falko: Wir setzen einen Fokus auf mehr Chancengerechtigkeit. Wir müssen einen Rahmen schaffen, in denen sich jeder nach seinen Interessen und Stärken entwickeln kann. Die Leute weltweit auf eine gleiche Ausgangslage zu bringen – das werden wir sicher nicht schaffen. Aber sicher können wir einen kleinen Beitrag zu einer besseren Welt leisten.
Erschienen auf: fluter.de
Felix Scheidl, 21, studiert in München VWL im ersten Semester. Nebenbei schreibt er als freier Journalist für diverse Print- und Onlinemagazine.