
Jana Gellrich war 21, als sie mit Mann und Sohn über Ungarn in die Bundesrepublik floh. Ihr Sohn Manuel ist heute 21. Ihm erzählt sie von der Flucht aus der DDR.
Wir sind im Sommer 1989 über Ungarn aus der DDR geflohen. Du warst 21, ich war gerade mal zwei Jahre alt. War das nicht riskant?
Wir sind nicht über die Mauer geflohen oder über die grüne Grenze. Denn dort wurde geschossen, das wussten wir. Hätten sie uns nicht auch an der Grenze in Ungarn entdecken können? Wir hatten ein Visum für Ungarn, sind im August 1989 auch dorthin gefahren. Wir wussten nicht, ob wir wirklich nicht wiederkommen, haben vorsorglich zwei Kisten gepackt – mit Gläsern und Geschirr, die sollten uns dann unsere Nachbarn mitbringen, die schon eine Ausreiseerlaubnis hatten. Es sind im Sommer schon viele von Ungarn über die grüne Grenze nach Österreich und von dort aus in die Bundesrepublik geflohen. Das hätten wir nicht riskiert. Wir sind erst über die Grenze nach Österreich, als die offiziell offen war.
Papa wurde danach in Abwesenheit wegen Republikflucht zu zwei Jahren Knast verurteilt. Wir haben später auch erfahren, dass ein Kumpel von Papa bei der Stasi war…
Ja, der war damals zum Glück im Urlaub. Ein Risiko waren aber deine Winterklamotten im Koffer, die wären bei einer Grenzkontrolle aufgefallen. Warum wolltet ihr eigentlich nicht mehr in der DDR leben? Es waren viele Gründe. Vor allem wollten wir, dass du eine Ausbildung machen kannst, unabhängig von deiner politischen Meinung. Ich hab‘ dir doch von meiner Cousine erzählt: Sie hatte einen Schulabschluss von 1,0, hatte aber auf die staatliche Jugendweihe verzichtet. Deshalb durfte sie nicht studieren. Oder das Reiseverbot. Wir durften ja nicht einfach verreisen.
Aber die Westverwandschaft besuchte uns doch?
Das war ja das Schlimme: Von ihnen hörten wir, wie die Welt hinter der Mauer aussah. Da merkte man erst, wie sehr man belogen wurde von der SED, was der Staat einem vorenthielt. Wir bekamen Postkarten, Urlaubskarten und haben uns gefragt: „Und warum können wir da nicht hin?“ oder „Warum dürfen wir nicht unsere Meinung sagen und müssen am 1. Mai, Tag der Arbeit, immer demonstrieren gehen, ob wir wollen oder nicht?“
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An den Urlaub in Ungarn kann ich mich gar nicht erinnern…
Es war ja kein richtiger Urlaub. In Ungarn meldeten wir uns erstmal im Auffanglager, wo viele DDR Familien auf ihre Ausreise in den Westen warteten. Wir haben tagelang am Radio gehangen, um zu hören, ob sich was tut an der Grenze. Dann passierte es: Ich saß mit dir seit vier Stunden vorm Lager im Auto und dein Vater war drin. Plötzlich hörte ich Schreie, überall war Jubel und es hieß: „Die Grenzen sind offen“. Die Ungarn hatten die Grenzen zu Österreich aufgemacht. Plötzlich waren sie offen. Die Stimmung war unbeschreiblich, euphorisch und sehr bewegend. Ich habe gesehen, wie sich Familien voneinander verabschiedeten. Die einen sind gen Westen, die anderen zurück in die DDR. Sehr viele haben aber die Chance genutzt und sind rüber, sie hätten die Grenzen auch wieder schließen können, das wusste ja keiner. Als wir dann durch Österreich fuhren, haben dein Vater und ich nichts gesprochen, jeder war mit seinen Gedanken beschäftigt.
Ihr habt doch auch viel zurückgelassen.
Ja sicher, das Schlimmste war: Sieht man seine Familie, seine Freunde wieder? Sonst hatten wir damals ja nicht viel zu verlieren, nicht viel zurückgelassen. Wir waren noch jung, und sind dann auch zehn Jahre in Wiesbaden geblieben. Und wir haben uns auch nicht getraut, gleich nach dem Mauerfall zu Besuch in die DDR zu fahren. Dein Vater war ja verurteilt. Wir waren sehr erleichtert, als sich dann zeigte: Die SED ist endgültig gestürzt.
Protokoll: Felix Scheidl; Foto: Klaus Gigga; Erschienen in: SPIESSER
