Haben Sie schon mal DSDS geguckt? - ARD-Vorsitzender Fritz Raff im Interview
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Behäbig, altbacken und viel zu erwachsen so urteilen viele Jugendliche über das Programm der ARD. Zeit für deren Vorsitzenden Fritz Raff sich zu rechtfertigen. Die SPIESSER-Autoren Anastasia, Gretel und Felix haben am Rande einer ARD-Tagung in München nachgefragt.
SPIESSER: Heute fand eine Tagung der ARD statt, bei der darüber diskutiert wurde, wie man die Jugend in Zukunft besser erreichen kann. Allerdings habe ich unter den Anwesenden kaum Jugendliche gesehen. Wo waren die denn?
Fritz Raff: Das war heute eine Fachtagung der ARD-Gremien. Da hat sich also eine Gruppe getroffen, die sich zunächst einmal sachkundig machen wollte. Den Gremien ist heute aber auch aufgefallen, dass eine weitere Diskussion nur Sinn macht, wenn man die Jugendlichen dazu holt.
SPIESSER: Ihre Berufsbezeichnung ist Vorsitzender der ARD. Was macht ein Vorsitzender der ARD denn genau und wie wird man das?
Fritz Raff: Hauptberuflich bin ich Intendant des SR, des Saarländischen Rundfunks. ARD-Vorsitzender ist ein Ehrenamt, das man in der Regel 2 Jahre ausübt. Du wirst dann durch eine Entscheidung deiner Kollegen quasi zum Sprecher des siebzehntgrößten Medienkonzerns der Welt. Man muss Positionen der ARD nach außen vertreten oder in der Politik präsent sein, wenn es um neue Rundfunkstaatsverträge oder eine Gebührenerhöhung geht. Im Grunde genommen muss man die Interessen von neun Rundfunkanstalten mit einer Stimme nach außen vertreten. Ich bin also sowas wie ein Vereinsvorsitzender (lacht).
SPIESSER: Was haben Sie im Fernsehen geguckt, als sie jung waren?
Fritz Raff: Zuhause hatten wir den ersten Fernseher als ich 16 war. Bis dahin habe ich Radio gehört. Bei unseren Nachbarn durfte ich dann ab und an das Vorabendprogramm gucken. Im Hauptabendprogramm erinnere ich mich an typische Serien wie Stahlnetz , aber auch an die Samstagunterhaltung mit Hans-Joachim Kulenkampff. Dann gab es noch jugendaffine Sendungen, wie den Musikladen mit Manfred Sexauer. Da war ich allerdings schon ein bisschen älter. Ganz ehrlich: Ich war aber nie ein ganz großer Fernsehzuschauer.
SPIESSER: Und wie ist das heute?
Fritz Raff: (Lacht) Da bin ich ein ganz kleiner Fernsehzuschauer. Das hängt mit meinen Verpflichtungen zusammen. Ich gehöre zu den Leuten, die Fernsehen mitgestalten, die sich aber aus zeitlichen Gründen große Mühe geben müssen, um überhaupt das eigene Programm verfolgen zu können. Weil ich die Programme der Privaten in jüngster Zeit kaum noch sehen konnte, verordne ich mir ab und zu einen Abend, an dem ich mir nur ein kommerzielles Programm anschaue. Das geht dann mit Jauch los, später wird die Wohnung eingerichtet, und so weiter.
SPIESSER: Hand aufs Herz: Haben Sie als Student GEZ gezahlt?
Fritz Raff: Als ich meine eigene Wohnung hatte, habe ich natürlich GEZ-Gebühren gezahlt. Damals hatte man allerdings noch eine Liebe zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk und sagte nicht GEZ-Gebühr , sondern Rundfunkgebühr . In GEZ-Gebühr klingt schon ein gutes Stück Ablehnung durch.
SPIESSER: Na ja, für einen Studenten wie mich sind 17,03 Euro im Monat aber auch eine ganze Stange Geld! Nun nehmen ARD und ZDF zusammen rund 7,3 Milliarden Euro an Rundfunkgebühren ein. Wieviel davon geht direkt an Formate für uns Jugendliche?
Fritz Raff: Das kann ich aus dem Handgelenk gar nicht sagen. Allein die Jugendradios oder Events wie Sommerfestivals werden jedoch schon mit erheblichem finanziellem Aufwand betrieben. Trotzdem: gemessen an dem gesamten Gebührenaufkommen und an dem, was für andere Gruppen ausgegeben wird, ist es nicht die große Summe. Ich gebe zu, dass die Lücke zwischen Kinder- und Erwachsenenprogramm für uns schon eine holprige Programmstrecke ist.
SPIESSER: Auf ihrer Internetseite steht, dass nur sechs Prozent aller Formate der ARD Kinder- und Jugendformate sind. Das klingt nicht viel…
Fritz Raff: Ich wollte gerade sagen: Das lassen wir mal so stehen, das klingt doch nicht so schlecht! Im Ernst: man muss fairer Weise auch sehen, dass wir in einer ständig alternden Gesellschaft leben, in der die Alten ihre Interessen auch sehr stark betonen und durchsetzen wollen. Jugendliche surfen hingegen eher um unsere Programme herum, sind viel unterhaltungsorientierter - ein politisches Magazin ist jetzt natürlich nicht so das Highlight für Jugendliche. Trotzdem müssen wir uns im Klaren sein, dass wir einen größeren Zugang zu den nachwachsenden Generationen brauchen.
SPIESSER: Ich glaube auch, dass sie uns da durchaus mehr zutrauen dürfen. Politik ist für Jugendliche nicht unspannend. Es ist alles nur eine Frage, wie man das aufbereitet.
Fritz Raff: Ich könnte mir manches Magazin und manche Info-Sendung durchaus in einer Aufbereitung vorstellen, bei der mehr junge Menschen sich angesprochen fühlen. Plasberg ist ein Beispiel für ein neues Format, das eine solche Form gefunden hat.
| “Wir müssen mit der Einengung leben, die Jugendlichen nicht sehr breit und speziell ansprechen zu können. Das ist ganz klar eine Schwäche von uns.”
SPIESSER-Interview mit Bruce Darnell “Ich kuck’s doch auch nicht wirklich” - Pocher und das ARD-Fernsehen |
SPIESSER: Wer macht sich in der ARD eigentlich Gedanken darüber, welche Formate uns Jugendlichen gefallen könnten? Haben die angeschlossenen Anstalten alle so etwas wie eine Jugendredaktion, oder entscheiden das ergraute Schlipsträger?
Fritz Raff: Heute ist das so, dass wir in den Häusern durch die Volontäre durchaus Nachwuchs haben, der sich sehr wohl um neue Ideen und Formate kümmert. Aber ich muss zugeben, dass ein solch großes System wie das der ARD sehr hungrig ist und seine Mitarbeiter schnell mit Routine auffrisst. Deshalb nutzen manche Mitarbeiter oder Redakteure einfach Formate und Strukturen, die bereits vorhanden sind.
Hörfunk-Jugendprogramme wie Das Ding oder Unser Ding haben allerdings andere Redaktionsstrukturen, die jugendlichen Mitarbeitern einen relativ großen Freiraum gewähren. Im Fernsehen ist das etwas schwieriger. Da haben wir weniger Experimentierfläche. Das hängt aber auch mit unserem gesellschaftlichen Auftrag zusammen: Durch unser Leitprogramm sprechen wir ein möglichst breites Publikum an. Da müssen wir auch mit der Einengung leben, die Jugendlichen nicht auch noch sehr breit und speziell ansprechen zu können. Das ist ganz klar eine Schwäche von uns.
Vielleicht verbessern die neuen Möglichkeiten der digitalen Welt diesbezüglich etwas. Heute habe ich in meinem Vortrag etwas gesagt, was völlig untergegangen ist: Ich stelle Euch einen digitalen, montags bis freitags bis 18.00 Uhr europaweit ausstrahlenden Satellitenkanal für Experimente zur Verfügung. Wir sind damit in der Vergangenheit schon zu Filmhochschulen gegangen und haben denen genau diese Sendefläche für die Absolventenfilme der Nachwuchsregisseure angeboten. Wir waren total erstaunt, was kreative Menschen plötzlich so alles an juristischen Bedenken und rechtlichen Hürden vorgeschoben haben. Da hat kaum einer gesagt: Diese tolle Chance prüfen wir mal . Am Ende ist dann überhaupt nichts zustande gekommen.
SPIESSER: Vom Experimentieren zum Inspirieren. Ganz ehrlich: Haben Sie schon einmal eine Folge DSDS (Deutschland sucht den Superstar) komplett geguckt?
Fritz Raff: Ein Best-of habe ich mal gesehen, das hat mir gereicht. Aber den Dschungel (Dschungelcamp, RTL) habe ich mal gesehen, bei der ersten Staffel.
SPIESSER: Sind sie neidisch auf den Erfolg solcher Formate?
Fritz Raff: Nein. Ich bin einer, der Pocher für einen Programmteil hält, den die ARD nicht nur ertragen, sondern zu dem sie den Mut haben muss. Trotzdem kann es nicht sein, dass in anderen bekannten Formaten der Privatsender Menschen herabgewürdigt werden, wie es beispielsweise (manchmal) Raab oder (fast immer) Bohlen machen. Menschen wie die Kandidaten bei DSDS muss man manchmal vor sich selbst schützen, das gehört auch zur Fürsorgepflicht der Programmmacher. Und auch wenn ich kein Fan der Bruce Darnell-Sendung geworden bin: Da ist niemand herabgewürdigt worden, man hat vielmehr versucht, Menschen Hilfestellung zu geben. Das ist durchaus ein Ansatz, den man noch als öffentlich-rechtlich beschreiben kann. Die Figur Bruce Darnell selbst, na ja, aber die Sprache, die Machart: OK, forget it!
SPIESSER: Bei unseren Autoren steht die Tagesschau der ARD hoch im Kurs. Trotzdem: Warum gibt es keine eigene Nachrichtensendung für Jugendliche?
Das MTV Newsmag wäre da eine tolle Vorlage.
Fritz Raff: Die Tagesschau an sich kann man nicht in einer solchen Form präsentieren. Da müsste man schon ein anderes Format entwickeln. Für Kinder haben wir so etwas mit Logo , explizit für Jugendliche hingegen nichts.
SPIESSER: Warum entwickelt man das dann nicht einfach?
Fritz Raff: Weil man dafür Programmflächen und Sendeplätze braucht. Die haben wir jedoch nicht in beliebigem Umfang. Deshalb müssen wir beispielsweise versuchen, unseren Online-Auftrag auszuweiten.
| Die Figur Bruce Darnell selbst, na ja, aber die Sprache, die Machart: OK, forget it! |
SPIESSER: Schüler kommen in der Regel um 15 Uhr nach Hause und gehen etwa 22 Uhr ins Bett. In der Zeitspanne hätten wir prinzipiell Zeit Das Erste zu gucken. Da kommt aber hauptsächlich Sturm der Liebe oder Brisant . Die guten Sachen, die wir auch wirklich gerne gucken, wie Hart aber Fair , Polylux , oder Schmidt und Pocher laufen stets nachts, wenn wir längst schlafen. Warum ist das so?
Fritz Raff: Das stimmt. Allerdings ist durch Medienforschung nachgewiesen, dass man mit diesen Sendungen zu einer früheren Sendezeit nicht die Zahl an Zuschauern erreicht, die man zu dem späteren Zeitpunkt vor dem Fernseher sitzen hat. Aber wenn wir die Mediathek haben, können Schüler alles immer genau dann angucken, wenn sie gerade Lust darauf haben!
SPIESSER: Aber momentan ist die Mediathek doch noch ganz furchtbar unaktuell! Sie garantieren uns also, dass die demnächst in vollem Umfang zur Verfügung steht? Wann denn genau?
Fritz Raff: Natürlich! Bis Mitte des Jahres sollte sie schon stehen.
SPIESSER: Viele junge Menschen gucken das Nachtprogramm der ARD wie etwa die Bahnfahrten durch Europa oder die BR-Space Night bevorzugt dann, wenn sie bedudelt von der Disko nach Hause kommen und vor dem Schlafen noch ein wenig runterkommen müssen. Wussten sie das?
Fritz Raff: Nein. Ich dachte immer das gucken ältere Herrschaften, die nicht schlafen können!
SPIESSER: Zum Hörfunk: Wäre ein Sender wie das in Österreich landesweit zu empfangende öffentlich-rechtliche Jugendradio FM4 nicht auch in Deutschland denkbar ?
Fritz Raff: Deutschland ist ja so groß wie zehn Österreichs! Im Ernst: Dazu haben wir laut Staatsvertrag kein Recht, einen bundesweiten Hörfunk anzubieten. In unserer Digitalstrategie haben wir ursprünglich trotzdem drei Konzepte für nationale Hörfunkangebote vorgesehen. Diese Überlegungen werden von der Politik bisher nicht akzeptiert.
SPIESSER: Was ich schon immer wissen wollte: Wem gehört eigentlich die ARD?
Fritz Raff: Euch, uns allen. (Lacht) Sofern wir Gebühren zahlen natürlich!
SPIESSER: Wenn die ARD uns gehört, dann müssten wir da doch auch mitmachen können, oder? Bekommen wir wöchentlich eine halbe Stunde SPIESSER-TV im Ersten?
Fritz Raff: (Lacht) Wir haben schon so viele Spießer-Programme im Ersten! Aber ja, macht doch mal was! Solange ihr das bei mir im SR macht, bin ich auf Eurer Seite.
——————–Glossar————————-
ARD steht für Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland. Sie besteht aus neun Landesrundfunkanstalten.
Kurz: GEZ zahlen, dafür wenig Werbung sehen und hören.
Rundfunkanstalten produzieren die dritten Fernsehprogramme mit den zugehörigen Radiosendern (Hörfunk) und Internetauftritten. Sie produzieren auch die Sendungen, die in dem Fernsehkanal ARD zusammenfließen.
Kurz: Trachten-, Bildungs-TV und intelligentes Radio von Pop über Klassik bis zur Volksmusik.
ARD-Gremien: Jede landesrundfunkanstalt sendet Mitarbeiter in ein Gremium, das die Machenschaften der ARD kontrolliert und Programmplaner oder Intendanten berät.
Kurz: Viel Gerede.
Intendant: Geschäftsführer einer der neun öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.
Kurz: Alte Männer zwischen 50 und 65 Jahren, die entscheiden, was Deutschland im Fernsehen sehen und im Radio hören will.
Rundfunkstaatsvertrag: Zwischen den Bundesländern abgeschlossener Vertrag. Er enthält Grundsatzregeln für den öffentlich-rechtlichen sowie für den privaten Rundfunk.
Kurz: Bildungsauftrag der Öffentlich-rechtlichen und keine Schweinereien bei den Privaten.
Stahlnetz: Vorgänger des Tatort zwischen 1958 und 1968. Die Krimis basierten auf realen Begebenheiten.
Kurz: Aktenzeichen XY Ungelöst ohne langweiliges Glaber
GEZ steht für Gebühreneinzugszentrale der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in der Bundesrepublik Deutschland. Jeder Bundesbürger, der einen Fernseher, ein Radio oder einen Computer mit Internetanschluss besitzt muss GEZ bezahlen. ARD und ZDF erhalten im Jahr etwa sieben Milliarden Euro. Private Sender, wie Prosieben oder RTL, müssen sich aus Werbeeinnahmen finanzieren.
Laut Eigenwerbung: Männer, die uns Tag und Nacht observieren und Schwarzseher in den Knast stecken.
Plasberg: Moderiert den Fernsehtalk „Hart aber fair“ am Mittwochabend im Ersten. Placeberg geht politischen und gesellschaftlichen Problemen mit Politikern, Experten und Zuschauerbeteiligung auf den Grund.
Kurz: Zickenterror unter Politikern.
Digitales Fernsehen: Fernsehtechnick, die die Datenmenge kompremiert und somit mehr Sender als früher über sie Sendeanlagen jagt. Auch ist es mögich einen Rückkanal einzurichten, bei dem der Zuschauer dem Fernsehsender auf sein Programm antworten kann.
Kurz: Bibel- und Tier-TV auch über Kabel und Satellit.
Mediathek: Onlinearchiv der Ferseh- und Radiosender, in dem wir Sendungen nachhören oder -sehen können.
Kurz: Bibliothek im Internet mit Filmen und Audiodateien - auch fürs Handy.
Hörfunk: Die neun Öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten unterhalten Fernsehprogramme und Radioprogramme – auch Hörfunk genannt.
Volontär: Journalist in Ausbildung bei Fernsehen, Radio, Zeitung und Onlinemedien.
Kurz: Schreiberling in seinen Lehrjahren.
Co-Autoren: gretel grambow, 25, anastasia bass, 19. Foto: Marcus Lechner, Augsburg
Gekürzte Version erschienen in: SPIESSER
