Doppelschichten
Nur stocksteife Spießer arbeiten bei der Bank? Stimmt nicht. Vier Bank-Azubis berichten von ihrem zweiten Leben als Profi-Sportler oder Rucksack-Tourist, Tänzer oder Feuerschlucker
Markus, 22, im doppelten Einsatz: Er steht hinterm Schalter der Stadtsparkasse in Berlin und auf dem Spielfeld in der Handball-Bundesliga.
Ich bin kein Langweiler! Ich spiele Handball bei den Füchsen Berlin in der ersten Handball-Bundesliga und mache eine Teilzeitausbildung bei der Berliner Sparkasse. Wenn ich keine Berufsschule habe, stehe ich jeden Tag vier Stunden hinter dem Bankschalter und fünf Stunden auf dem Handballfeld. Morgens Training, dann Bank, abends wieder Training. Dafür dauert meine Ausbildung auch ein Jahr länger, insgesamt also drei. In der Bank habe ich schon einen mittelschweren Handballwahn ausgelöst die Kollegen besuchen unsere Heimspiele. Und wenn sie mal nicht dabei sind, sehen sie sich die Spiele im Fernsehen an oder lesen im Internet, wie wir gespielt haben und schicken Glückwunsch-SMS. Sport und Job ergänzen sich perfekt: Handball ist ein Teamsport. Genauso ist Teamarbeit in der Bank gefragt, wir tauschen uns ständig aus. In der Ausbildung habe ich bisher gelernt, selbstbewusst aufzutreten und andere zu überzeugen. Auch auf dem Spielfeld muss ich dem Gegner gegenüber sicher auftreten. Sonst macht der mich platt. Weil ich auf Arbeit mit Geld zu tun habe, bin ich zum Kassenwart unseres Teams ernannt worden. Und wenn meine Freunde wissen wollen, wie sie ihre Sieg- und Punktprämien richtig anlegen können, kommen sie zu mir. Manchmal ist dieses Doppelleben stressig. Den ganzen Tag zu büffeln und zu spielen kenne ich aber schon vom Sportgymnasium. Da habe ich mit dem Handballspielen angefangen, als ich 14 war. Unterricht und Training gingen auch da schon von früh bis spät. Mit den beiden Jobs verdiene ich in der Summe mehr als meine Kollegen in der Bank, deswegen kann ich jetzt schon für später sparen wenn ich mal nicht mehr Handball spielen kann. Meine Zukunft sehe ich aber erst mal in der Deutschen Nationalmannschaft. Danach stelle ich mich zum Arbeiten gern wieder in die Bank. Das macht auch Spaß.
Lorenzo Daniel, 21, aus München hängt Anzug und Krawatte regelmäßig in den Schrank und zieht mit dem Rucksack durch Südamerika.
Ich bin nicht geldgeil! Mit dem Rucksack bin ich durch Südamerika gereist. Mit Anzug und Krawatte stehe ich hinterm Schalter bei der Hypovereinsbank. Nach dem Abi wusste ich nicht, was ich studieren wollte und jobbte als Kellner. Als ich genug Geld gesammelt hatte, stieg ich ins Flugzeug Richtung Südamerika, um dort von Land zu Land zu reisen. Weil ich auch Spanisch und Italienisch spreche, kam ich gut zurecht. Ich begegnete vielen Leuten und lernte Surfen. Noch vor meinem Abflug hatte ich mich bei der Bank um einen Ausbildungsplatz beworben. Als mir die Bank eine Einladung zum Assessmentcenter per E-Mail schickte, packte ich sofort meinen Rucksack und flog nach Hause. Immerhin hatte ich Argentinien, Uruguay und Brasilien geschafft. In meinem ersten Urlaub bin ich nach Brasilien geflogen und habe Portugiesisch gelernt. Im nächsten Urlaub geht es wieder nach Südamerika - auf den Reisen habe ich gelernt, offen und spontan zu sein. Das hilft mir auch in der Bank. Jetzt habe ich sogar einen portugiesischen Kunden. Wenn ich mich mit Menschen in ihrer Muttersprache unterhalten kann, hilft das, schneller zum Geschäftsabschluss zu gelangen. Natürlich gibt es immer wieder Momente, in denen ich lieber an der Copacabana neben meinem Surfbrett liegen würde.
Andrea, 21, aus Ingolstadt jongliert mit Zahlen und Fackeln. Sie ist Bank-Azubi und Feuerschluckerin.
Ich bin nicht spießig! Ich spiele mit dem Feuer. Mit allem drum und dran: Feuerspucken, Feuerschlucken, Jonglieren mit Fackeln. Gerade habe ich ein neues Spielzeug für mich entdeckt: Ketten mit brennenden Enden, die verschiedene Figuren in die Luft zeichnen. Loderndes Feuer fasziniert mich einfach, es macht fast süchtig. Auch für meinen Bankjob brenne ich, das wird mein Chef bestimmt gern hören. Eine kleine Möchtegern-Business- Tussi bin ich deshalb nicht. Das aufregende Hobby und der geordnete Arbeitsplatz in der Hypovereinsbank gleichen sich gut aus. Die Erfahrungen von unseren Feuershows haben mir im Job geholfen: Ich habe dort schon gelernt, mich mit vielen Menschen zu unterhalten und auf Firmenchefs zuzugehen, die eine Show gebucht hatten. Konzentration ist beim Geldzählen genauso wichtig wie beim Hantieren mit Feuer auf der Bühne wenn ich in der Show nicht konzentriert arbeite, kann in zwei Minuten alles brennen. Wenn ich in der Bank nicht bei der Sache bin, brennt zwar nicht gleich die Hütte, aber Schaden entsteht allemal. Meine Kollegen sind begeistert von meinen Feuerspielen. Auf der Weihnachtsfeier habe ich mit drei anderen Feuerkünstlern eine Show vorgeführt vor 35 Kollegen und Vorgesetzten. Am Schalter hat mich noch niemand auf meinen Nebenjob angesprochen. Das wird wohl daran liegen, dass ich in den Feuershows in schwarzer Kleidung und mit Kopftuch auftrete. Wenn ich in diesem Gewand stecke, erkenne ich mich selbst kaum wieder.
Maren Lisa, 19, tanzt auf zwei Hochzeiten: Sie ist Auszubildende bei der Volksbank in Nauheim und Europameisterin im “Schautanz Modern”.
Ich bin nicht stocksteif! Ich tanze seit acht Jahren beim TSV Raunheim. Unsere Gruppe heißt Crazy Diamonds , unsere Disziplin Schautanz Modern . Im letzten Jahr wurden wir Hessen-, deutscher und Europameister. Wenn ich nicht gerade auf der Bühne stehe, mache ich eine Ausbildung bei der Volksbank in Nauheim. In einem unterscheiden sich Bühne und Schalterhalle überhaupt nicht: Man muss sich hier wie dort hervorragend präsentieren. Da kommt mir meine positive Ausstrahlung zugute. Selbst wenn der Kunde mal mies gelaunt ist oder mein Tanzpartner quengelt, ist es besser freundlich zu bleiben und zu lächeln. Das kann ich gut. Unser Tanzstil ist eine Mischung aus allen möglichen Richtungen, mit Elementen aus HipHop, Ballett, Chearleading und Akrobatik. Zweimal wöchentlich gehe ich abends zum Training. In der Turniersaison gehen auch viele Samstage und ganze Wochenenden fürs Training drauf. Das klingt nach Stress. Ist es manchmal auch. Aber beim Tanzen bekomme ich den Kopf frei. Wenn ich mich in der Bank über Kunden geärgert habe, dann ist das spätestens beim Tanz vergessen. Als ich den anderen in meiner Gruppe von meinem Ausbildungsplatz erzählte, fanden die meisten das ziemlich öde. Mittlerweile ist das anders. Einer meiner Mittänzer überlegt jetzt sogar, sich für eine Banklehre zu bewerben.
Bankkaufmann und Bankkauffrau
Bankkaufleute beraten die Kunden in allen Fragen rund ums Geld. Sie eröffnen Bankkonten, informieren über die Kontoführung und Online-Banking. Sie wissen, wie sich Geld am besten vermehrt, sie kennen sich mit Sparbriefen und Aktien aus. Außerdem vergeben sie Kredite und schließen Bausparverträge und Lebensversicherungen ab.
Bankkaufleute arbeiten hauptsächlich in Banken und Sparkassen. Sie können ebenfalls an Börsen oder im Wertpapierhandel, bei Versicherungen oder bei Immobilienvermittlern beschäftigt sein.
Die Ausbildung dauert drei Jahre, kann aber verkürzt werden. Vorausgesetzt werden in der Regel Realschulabschluss oder Abitur, etwa zwei Drittel der Bank-Azubis haben die Hochschulreife.
Gut: Das Taschengeld der Freunde anlegen und dem Kunden in der Bank erzählen, wie sich sein Geld am besten vermehrt. Schlecht: Beim Geldzählen verzählen.
Investmentfondskaufmann und Investmentfondskauffrau
Investmentfondskaufleute analysieren Wertpapiere, Geld- und Kapitalmärkte im In- und Ausland.
Sie betreuen Depots und wickeln Kundenaufträge ab, informieren das Fondsmanagement über die Ergebnisse ihrer Analysen und bereiten so Entscheidungen mit vor.
Sie verfolgen die Kurse, kaufen und verkaufen täglich an der Börse. Sie schreiben Berichte, ihren Kunden zeigen sie Vor- und Nachteile von Investitionen auf. Investmentfondskaufleute sind vorwiegend in Sparkassen, Kreditinstituten, Kapitalanlagegesellschaften und Börsen beschäftigt. Darüber hinaus können sie bei Versicherungen tätig sein.
Die Ausbildung dauert drei Jahre, mit der Möglichkeit zu verkürzen. Ihr solltet einen Realschulabschluss oder Abitur in der Tasche und außerdem großes Interesse am Finanz- und Börsengeschehen, mathematisch-analytische Begabung und gute Englischkenntnisse haben.
Gut: Für den Kunden aus wenigen Euro ein Vermögen zaubern. Schlecht: Selbst davon keinen Cent abzubekommen.
Spezialisierungen und Weiterbildungen in der Bank
Börsenmakler/in – kauft und verkauft Wertpapiere und Devisen
Fondsmanager/in – scheut wenige Risiken, um höchstmögliche Kursgewinne zu erzielen
Kreditmanager/in – entscheidet, wer Kredite bekommt und wer nicht
Wertpapieranalyst/in – kennt Aktien und ihren Wert
Mehr Infos zu Berufen in der Bank, Tipps für die Bewerbung und Foren zu den Einstellungstests der Banken gibt es auf www.berufenet.de, www.bankmensch.de und auf www.bankkaufmann.com.
Autor Felix ist 20 Jahre alt. Da er mit seiner zerkratzten Sparkassenkarte nur selten Scheine am Automaten bekommt, kennt er den Azubi an der Kasse schon persönlich.
Erschienen in: SPIESSER
