Die Jugend von Heute…

   
   

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Ein nicht ganz neuer Spruch, den man neuerdings wieder öfter
hört. „die jugendseite.“ hat sich gefragt: Was unterscheidet die Jugend von heute eigentlich von der von gestern? Die Antwort geben Günther Urban (66) und Laura Sinn (17).

 

Günther Urban (66)

 

Günther Urban, heute 66 Jahre alt, kam mit fünf Jahren als Flüchtlingskind nach Marnbach. Mit 18 Jahren zog er nach Weilheim, wo er bis heute lebt. Als Grüner der ersten Stunde vertrat Urban die Partei zwölf Jahre im Stadtrat und startete vergangenes Jahr eine Spendenaktion für das neue Jugendhaus, weil die Stadt Geldmangel signalisierte. Seit seiner Jugend im Landkreis ist ein halbes Jahrhundert vergangen.

 

Wohin ist die Jugend abends weggegangen?

 

 

Weggehen gab es für mich fast nicht. Über ein Jugendzentrum in Weilheim wäre ichdamals froh gewesen. InMarnbach gab es eine wohlhabende Familie; dort war ich gelegentlich eingeladen. Das war in der Rock’n’Roll-Zeit. Mit Partys wusste ich aber eher weniger anzufangen. Obwohl mir die Mädchen dort immer gefallen haben.

 

 

 

 

Wie hat man sich in wen verliebt?

 

 

Wir lebten in einer ländlichen Welt ohne Fernsehen – da gab es Wörter wie Liebe und Küssen kaum. Das Problem war: Die katholische Kirche hat besonders im Bereich „Sexualität“ ein schlechtes Gewissen aufgebaut. Die wollten Kinder zum Mönchsleben erziehen. Mädchen sind nach den drei Ks erzogen worden: Kinder, Küche, Kirche.

 

Was haben Sie in den Ferien gemacht?

 

 

Als ich 13 war, habe ich mit einem Freund eine mehrtägige Radtour in die Alpen unternommen. In einer Nacht sind wir unter unserer Zelthaut fast erfroren. Wir hatten uns einfach aufs Fahrrad gesetzt und sind losgefahren – nur mit zwei oder drei Mark in der Tasche.

 

 

 

 

 

Welches Verhältnis hatten Sie zur Musik?

 

 

In der Schule haben wir fast jeden Tag gesungen. Schallplatten konnte ich mir keine leisten – wir waren eine arme Familie. Auf Partys habe ich auch mal Platten gehört. Mit 25 konnte ich mir meinen ersten Plattenspieler leisten – für damals mehr als ein Monatsgehalt.

 

 

Welche Berufsträume hatte man?

 

 

Mit zehn Jahren wollte ich Butler werden, weil sich hier nach dem Krieg einige Adelige

niedergelassen haben. Dann wollte ich Verwalter eines Gutshofs werden. In meiner Jugend habe ich mit Metallbaukästen gearbeitet und mit 14 eine Lehre als Feinmechaniker angefangen – und bin dabei geblieben.

 

 

War es angesagt, sich politisch zu engagieren?

 

 

Ich bin einige Male zum „Oberbräu“ zu CSU-Veranstaltungen gefahren. Dort habe ich aber gemerkt, dass ein junger Mensch nichts zu sagen hat. Niemand wollte sich mit mir unterhalten.

 

 

 

 

Was hat man direkt nach dem Schulgong und später am Nachmittag gemacht?

 

Jugendliche vom Dorf haben sich mit den Weilheimer Oberstadtlern Kämpfe im Wald geliefert. Aber mit Kultur sind wir wenig in Berührung gekommen. In der Wirtschaft stand ein Kicker, an dem wir spielten. Im Übrigen mussten die Kinder in der Landwirtschaft und im Haushalt helfen – ich habe aber auch Flugzeugmodelle gebaut, Fußball und Tischtennis gespielt oder Ski gefahren.

 

 

Wo hat man sich getroffen?

 

 

In der Jugend war der ganze Ort unser Spiel- und Treffplatz – wir mussten kaum auf etwas Rücksicht nehmen. Die heutige Jugend wächst vergleichsweise eingesperrt auf. Es war sicher eine bescheidene Jugend, aber ich bin froh, dass ich nicht heute aufwachsen muss.

 

 

 

 

 

Wovor hattest hatten Sie Angst?

 

 

In der Kindheit hatte ich Angst vor dem Tod. Die Beerdigungen auf dem Dorf warenimmer sehr dramatisch – es drehte sich viel um Sünde und ewige Verdammnis. Ernsthafte Angst hatte ich später aber nie – auch wenn ich mir des Öfteren Riskantes geleistet habe.

 

 

 

Erschienen in: Münchner Merkur (Lokal)

 

 

Laura Sinn (17)

 

Laura Sinn ist 17 Jahre alt und hat im September ihre Ausbildung zur Erzieherin in Huglfing begonnen. Laura lebt seit 15 Jahren in Weilheim und ist seit letztem Jahr im Weilheimer Jugendparlament (Jupa) aktiv.

 

 

 

 

 

 

 

 

Wo geht die Jugend heute weg?

 

 

Viele gehen in Discos im Umland. Wenn wir in Weilheim bleiben, dann ziehen wir dort durch die Kneipen. Manche Jugendliche treffen sich auch einfach auf einem Platz; trinken dort ihr Bier. Sobald ich 18 bin werde ich dann endlich öfter nach München in die Diskos fahren – oder nach Garmisch in die Musikkneipen. Natürlich ist das Geld bei Schülern immer knapp, aber fürs Weggehen am Wochenende reicht es meistens.

 

 

Wie verliebt man sich auf dem Land?

 

 

Meistens lernt man über Freunde neue Freunde kennen und verliebt sich. Von Singlepartys oder Internetbekanntschaften halte ich nichts. Oft kommt man auch in Kneipen ins Gespräch. „Liebe“ und „Sex“ sind heute auch keine Tabuthemen – da kann ich offen mit meinen Freunden darüber reden.

 

 

 

Was machst Du in den Ferien?

 

 

Ausschlafen und spät ins Bett gehen. Jugendliche versuchen einfach, möglichst wenig vom Tag mitzubekommen, weil zu der Zeit hier einfach nichts geboten ist. Außer man ist in einer Jugendorganisation oder dem Jupa – da gibt es immer was zu tun. Manchmal fahre ich mit meinen Freunden nach Ungarn – da haben meine Eltern ein Haus und ich darf ohne sie dort hinfahren.

 

 

Welches Verhältnis hast Du zur Musik?

 

 

Ich mache zwar selbst keine Musik, aber ich höre gernHeavy Metal oder Punkrock. Auf Konzerte gehe ich eigentlich selten und wenn, dann auf Konzerte von kleineren, unbekannteren Bands. Ich höre lieber CDs.

 

 

 

 

Welche Berufsträume hattest Du?

 

 

Ich wollte immer Tierärztin werden. Da ist aber leider nichts draus geworden, weil ich in der Schule meinen Arsch nicht hochbekommen habe, als ich die Möglichkeit hatte, aufs Gymnasium zu gehen. Dann wollte ich mal Designerin und Maskenbildnerin werden. Jetzt habe ich aber mit meiner Ausbildung zur Erzieherin auch einen Traumjob gefunden.

 

 

 

Ist es angesagt, sich politisch zu engagieren?

 

 

Fast kein Jugendlicher interessiert sich für Politik. Das ist sehr traurig. Eine Gruppe, die sich stark politisch engagiert, sind die Rechtsradikalen. Jugendlichen müssten gegen sie aktiv werden. Das Gute an unserem politischen Engagement im Jupa: Ich habe das Gefühl, dass unsere Meinung im Stadtrat gehört wird. Auch wenn wir uns manchmal wünschen würden, bei Themen, die die Jugendlichen nicht direkt betreffen, mehr gefragt zu werden…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was machst Du am Nachmittag?

 

 

Nach der Schule oder später am Nachmittag bin ich oft mit meinen Freunden noch im Rosengarten gesessen. Danach war ich manchmal Babysitten, um mein Taschengeld aufzubessern. Jetzt, während der Ausbildung, kommen meine Freunde und mein Freund aber etwas zu kurz.

 

 

 

Wo trefft Ihr Euch?

 

Alle über 16 treffen sich eigentlich in Kneipen. Die Jüngeren treffen sich in Vereinen oder organisierten Jugendgruppen.

 

 

Wovor hast Du Angst?

 

 

In der Schule hatte ich Angst vor Mobbing. Jetzt eher davor, dass ich mein Leben einmal nicht selbst finanzieren kann – also eine Wohnung, Essen und ein Auto.

 

 

 

   

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