„Biolehrer knutscht mit Mathereferendarin“
Prominente Journalisten haben hier ihre ersten Erfahrungen gesammelt, und viele junge Medienmacher lässt die Faszination Journalismus danach nicht mehr los: In Schülerzeitungen sind sie hautnah am Geschehen dran.
Freitag, 12:50 Uhr, ein hell erleuchtetes Zimmer im Gymnasium Weilheim im Süden Bayerns. Das Bild will so gar nicht in das Klischee eines Klassenzimmers passen: Mitten im Zimmer steht ein kleiner runder Tisch, drum herum vier Sofas und ein schwarzer Ledersessel. Auf den wenigen Schulbänken im Raum liegen keine Hefte, stattdessen findet man Computer, Drucker und einen Scanner. Nicht nur optisch unterscheidet sich der Raum von den anderen Zimmern der Schule. Obwohl das Wochenende gleich anbricht, trudeln nach und nach immer mehr Schülerinnen und Schüler ein.
Bilanzen und Termindruck
Mathias Schuh aus der zehnten Klasse beginnt, den Drucker auseinander zu nehmen, um den Toner zu wechseln. Maxi Langustin aus der sechsten Klasse hat derweil andere Sorgen: Seine Bilanzen wollen nicht so recht zusammenpassen. Auf der Einnahmenseite klafft ein großes Loch, die Ausgaben hingegen nehmen mehrere Seiten ein, denn die Anzeigen-Kunden haben noch nicht gezahlt. Währenddessen betritt Agnes Bauer das Zimmer, stellt ihren Schulrucksack neben den Couchtisch und packt einen kleinen blauen Notizblock aus. „Welche Artikel sind noch nicht abgegeben?“, will die Zwölftklässlerin wissen. „Ihr wisst doch: Deadline war bereits vergangene Woche!“
Gerüchteküche Schülerzeitungsredaktion
Während die Mitschüler ins Wochenende aufbrechen, treffen sich Agnes, Maxi, Mathias und ein Dutzend andere Jugendliche zur Redaktionssitzung ihrer Schülerzeitung „Spiegelbild“. Geschrieben und gedruckt wird, was den Schülern unter ihren Fingernägeln brennt: Präventionsmaßnahmen gegen Drogenmissbrauch, die aktuelle bildungspolitische Überraschung aus dem Kultusministerium oder Lehrerstilblüten bilden einen bunten Mix aus harten und weichen News, Berichten und Reportagen, Interviews und schließlich Texten, die sich beim besten Willen keiner journalistischen Stilform zuordnen lassen. „Biolehrer knutscht mit Mathereferendarin“ – auch solche Skandale sollen von Schülerzeitungsredakteuren schon enthüllt worden sein. Immer auf dem neuesten Stand sein, was Gerüchte über Lehrer und Mitschüler anbelangt – das ist für Schülerzeitungsredakteure eben auch ein Muss.
Pizza und Cappuccino
Lilith Pendzich aus der 7. Klasse macht Schülerzeitungen bereits seit sie das Gymnasium besucht. „Klar macht mir Schreiben eine Menge Spaß“, sagt sie. „Aber man darf die Arbeit nicht unterschätzen: Bei der letzten Ausgabe haben wir unsere gesamten Ferien geopfert, um den Drucktermin halten zu können.“ So hatten die Redakteure genug Zeit, um die Zeitung stressfrei produzieren zu können. Nicht immer läuft alles so glatt: In vielen Schülerzeitungsredaktionen wird bis weit nach Mitternacht layoutet. Unzählige Liter Cappuccino und mehrere Kilo Pizza stärken meist das Durchhaltevermögen der jungen Medienmacher. Fast wie im richtigen Journalistenalltag? Nicht selten stellt die Mitarbeit an einer Schülerzeitung die ersten Gehversuche für eine spätere Karriere in der Medienbranche dar. Lilith kann sich mittlerweile gut vorstellen, später einmal als Schriftstellerin zu arbeiten.
Seite an Seite für die Pressefreiheit
In diesem Moment kommt auch die Betreuungslehrerin Frau Helgert – oder einfach nur Margot, wie sie manche Redakteure nennen. Sie setzt sich auf einen freien Platz auf das Sofa. In einigen Bundesländern mussten Beratungslehrer wie Margot Helgert noch vor kurzem zwischen Direktor und Redaktion vermitteln. Der Schulleiter durfte nämlich streichen, was er als rechtlich bedenklich oder moralisch nicht vertretbar einstufte. Seite an Seite kämpften Jugendpresse und Schülerzeitungsredakteure gegen diese Form von Zensur – mit Erfolg: Als letztes aller Bundesländer hat nun auch Bayern angekündigt, die rechtlichen Leinen für Schülerzeitungsredakteure zu lockern.
Privatschulen hingegen dürfen ihre Zeitungen weiterhin „zensieren“: So geschehen an einer Privatschule in Hamburg. Der Betreuungslehrer setzte in der Schülerzeitung den Rotstift an und strich mehrere Artikel. Unfair, urteilte die Redaktion und startete den Gegenangriff: Aus dem Titel „Sophies Welt“ wurde „Sophies Unterwelt“ – die Schülerzeitung machte sich unabhängig. Als Kiosk-Ersatz dienten mobile Toilettenhäuschen vor dem Schulgebäude, die Schulleitung konnte somit nichts mehr einwenden. Die Mühe der Redakteure machte sich bezahlt: Mit ihrer neuen Zeitung und deren Leitthemen „Sex“ und „Drogen“ gewann die verbotene Redaktion beim Schülerzeitungswettbewerb des Bundespräsidenten den Preis für die beste Schülerzeitung Hamburgs.
Kopiert oder Hochglanz
Wettbewerbe wie diesen gibt es in jedem Bundesland. Der größte ist der „Schülerzeitungswettbewerb der Länder“. Veranstaltet wird er von der Kultusministerkonferenz in enger Zusammenarbeit mit der Jugendpresse Deutschland. In jedem Bundesland existieren regionale Vorausscheidungen. Die teilnehmenden Medien ergeben einen repräsentativen Querschnitt durch die Schülerzeitungslandschaft in Deutschland. Und wie könnte es anders sein: Die Publikationen sind so vielfältig und facettenreich wie ihre Autoren. Das Format geht von A5 über alle Zwischenstufen bis hin zu A4, manche Zeitungen werden im Hochformat gelesen, andere quer. Es gibt handgemachte, kopierte und geklebte Exemplare genauso wie echte Hochglanzproduktionen, die am Kiosk den Vergleich mit kommerziellen Jugendmedien nicht scheuen müssen.
Jugendtreff im Redaktionsraum
Auch die „Spiegelbild“-Redaktion hat schon an Wettbewerben teilgenommen. Gewonnen hat sie noch nichts, aber mit der neuen Ausgabe wollen es die Redakteure erneut versuchen. Die Sitzung ist inzwischen offiziell beendet. Die ersten Redakteure verlassen gleich nach der Sitzung das Zimmer und machen sich auf den Weg nach Hause. Andere bleiben noch länger. Der Redaktionsraum wird zum Jugendtreff umfunktioniert. Die Nachwuchsjournalisten tauschen Tipps für Hausaufgaben aus, bereiten sich auf Tests vor oder planen das Wochenende. Morgen Nachmittag will ein Teil der Redakteure gemeinsam Eis essen gehen, anschließend lässt man sich wahrscheinlich noch in einer Kneipe nieder. Denn wie im professionellen Journalismus gilt auch für Schülerzeitungsredakteure: Die besten Ideen für neue Artikel kommen überall, nur nicht am heimischen Schreibtisch.
Erschienen auf: Schekker.de
